Aversives Hundetraining – warum Gewalt keine Trainingsmethode ist und Hunde etwas anderes verdienen
Warum dieser Artikel geschrieben werden muss
Gewalt gegen Hunde ist nicht diskutierbar.
Nicht relativierbar.
Nicht als „Erziehungsstil“ verkleidet akzeptabel.
Und doch kursieren aktuell in den sozialen Medien Videos, in denen Hunde gepackt, bedrängt, angeschrien oder mit Schreck- und Schmerzreizen konfrontiert werden.
Diese Aufnahmen zeigen kein Training – sie zeigen eindeutige Gewalt, die in dieser Form gegen geltendes Recht verstößt :
🔹 Tierschutzgesetz (TierSchG) § 3 – Verbotene Handlungen
Es ist verboten,
„ein Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zuzufügen.“
🔹 Tierschutz-Hundeverordnung (TierSchHuV) § 2
Verlangt den umfassenden Schutz des Hundes vor Schmerzen, Leiden und Schäden, sowie einen Umgang, der das Wohlbefinden des Hundes nicht beeinträchtigt.
Wer sich zum Tierschutzgesetz (TierSchG) informieren möchte, kann alle Punkte hier nachlesen.
Aversives Training, das darauf basiert, den Hund durch Schmerz, Angst oder Einschüchterung zu „korrigieren“, widerspricht diesen Grundsätzen eindeutig.
Ich hatte eigentlich nicht vor, mich öffentlich zu dieser Debatte zu äußern.
Aber die Bilder dieser Hunde – eingefroren vor Angst, unterworfen im Stress, orientierungslos im Moment der Bedrohung – lassen mich als Hundetrainerin in Ausbildung und als Mensch nicht los.
Darum möchte ich heute erklären, warum solche Methoden nicht einfach „eine andere Trainingsphilosophie“ sind, sondern reale Schäden verursachen – emotional, lernbiologisch und gesetzlich.

Was aversives Training wirklich ist
Aversives Training nutzt Reize, die einen Hund erschrecken, verletzen oder stark verunsichern, um Verhalten zu unterdrücken. Dazu gehören :
- Leinenrucke
- körperliches Einschüchtern oder Bedrängen
- Schreckreize (Wasser, Luftspray, Rappeldosen, Discs, Wurfketten)
- Schmerzimpulse
- gewaltsames Manipulieren der Körperhaltung
- Blockieren der Individualdistanz
Viele dieser Techniken führen zu einer sofortigen Reaktion, was von außen betrachtet wie „Gehorsam“ wirkt.
Tatsächlich passiert neurobiologisch jedoch Folgendes :
Der Hund lernt nicht „Was soll ich tun?“,
sondern „Wie vermeide ich Schmerz und Angst?“
Das ist kein Lernen – das ist Stressbewältigung.
Was solche Methoden im Hund auslösen
Aversive Einwirkungen aktivieren das Stress- und Notfallzentrum im Gehirn. Die Folgen können tiefgreifend sein :
Physiologisch
- erhöhte Cortisol- und Adrenalinwerte
- Verspannungen des Bewegungsapparats
- Schlafstörungen
- geschwächtes Immunsystem
Emotional
- Unsicherheit
- Erwartungsstress („Wann passiert es wieder?“)
- Vermeidungshaltungen
- Vertrauensverlust
Verhaltensbezogen
- Angst- und Aggressionsverhalten
- Überreaktionen in Alltagssituationen
- erlernte Hilflosigkeit
Viele Hunde wirken nach aversiven Einwirkungen „ruhig“.
Aus verhaltensbiologischer Sicht handelt es sich jedoch häufig um Freeze-Verhalten – eine Schockreaktion, keine Kooperationsbereitschaft.
Warum gewaltfreies Training nicht „soft“, sondern wissenschaftlich ist
Es hält sich hartnäckig das Vorurteil, modernes Training sei zu „weich“, zu „verwöhnend“ oder „unklar“.
Doch das Gegenteil ist der Fall :
Moderne Trainingsansätze basieren auf :
- positiver Verstärkung
- Lerntheorie
- Stressforschung
- Bindungspsychologie
- Neurobiologie
Ein Hund lernt stabil und nachhaltig, wenn er :
- sicher ist
- versteht, was erwartet wird
- Erfolgserlebnisse hat
- Wahlmöglichkeiten nutzen darf
- keine Angst vor Fehlern haben muss
Verlässliche Regeln und Fairness schließen sich nicht aus – sie bedingen einander.

Warum der vermeintlich schnelle Effekt trügt
Aversive Methoden wirken manchmal „sofort“. Das ist genau die Gefahr.
Der Hund zeigt kein erwünschtes Verhalten – er zeigt Vermeidung.
Er ist nicht ruhiger geworden – er ist vorsichtiger, ängstlicher oder überwältigt.
Schnelligkeit ist kein Qualitätsmerkmal im Hundetraining.
Nachhaltigkeit, emotionale Gesundheit und funktionierende Bindung sind es.
Was Hunde stattdessen brauchen
Hunde profitieren langfristig von :
✔ Sicherheit durch klare Strukturen
Vorhersehbare Abläufe schaffen Orientierung.
✔ Positiver Verstärkung
Verhalten wird verstärkt, nicht unterdrückt.
✔ Schutz der Individualdistanz
Ein Grundrecht jedes sozialen Lebewesens.
✔ Stressreduktion
Nur ein entspannter Hund kann lernen.
✔ Förderung von Selbstwirksamkeit
Hunde brauchen Erfolgserlebnisse – sonst verlieren sie Mut und Motivation.
✔ Einem Menschen, der Verantwortung übernimmt
Nicht durch Härte, sondern durch Klarheit und Fairness.
Warum die Debatte so belastend ist
Wer professionell mit Hunden arbeitet, trägt Verantwortung.
Gewalt in Trainingsvideos zu sehen – egal, wie sie verpackt oder gerechtfertigt wird – ist schwer auszuhalten.
Nicht aus Empörung, sondern aus Mitgefühl.
Hunde können sich nicht wehren.
Sie können nicht erklären, wenn etwas wehtut.
Sie können nicht sagen, wenn sie Angst haben.
Darum tun wir es für sie.
Ein Appell an Hundemenschen
Hunde verdienen :
- Respekt
- Fairness
- Sicherheit
- eine Stimme
- und Methoden, die ihnen helfen – nicht schaden
Training ist Beziehung.
Und Beziehung entsteht nicht aus Drohung, sondern aus Vertrauen.
Kein Hund wird durch Angst „besser“.
Aber jeder Hund wird durch Verständnis stärker.
Fazit – Gewalt ist keine Methode
Aversives Training ist nicht nur unethisch, sondern rechtlich, emotional und wissenschaftlich klar problematisch.
Es verursacht Stress, fördert Unsicherheit und schadet langfristig der Bindung.
Hunde brauchen keine Härte.
Sie brauchen Menschen, die Verantwortung übernehmen – mit Herz, Wissen und Geduld.
Die Debatte darf emotional sein.
Sie muss es sogar.
Denn es geht um Lebewesen, die von uns abhängig sind.
Und Gewalt gegen Hunde ist nicht verhandelbar.
